Nachruf Burkhart Sellin

 

Burkhart Sellin ist am 12. September verstorben. Mich traf diese Nachricht unseres geschätzten stellvertretenden Vorsitzenden überraschend auf einer Reise durch Griechenland.  Auch wenn ich ihn zuvor bereits sehr entkräftet gesehen hatte, hat mich sein Tod schwer mitgenommen. Er war ein guter, verlässlicher Freund, der stets da war, wenn man ihn brauchte. Wir alle schätzten seine tolerante, tief verankerte demokratische Haltung. Seine christliche Überzeugung zeigte sich in seinem Einsatz für die Menschen, die vor den Kriegen im Nahen Osten und Nordafrika flohen. Vor allem aber war er ein überzeugter Europäer, nicht nur seines Berufes wegen, sondern auch privat. In seinem und damit auch im Leben seiner Familie war dieser europäische Geist lebendig, das sich zwischen Deutschland, den Niederlanden und Griechenland abspielte. Er war eine Säule unseres Vereins. Er war Ideengeber, Vermittler und handelte, wenn nötig. Das spiegelte sich in seiner Funktion als zweiter Vorsitzender unseres Vereins nur unzulänglich wider und war mehr seinem Alter geschuldet als andere,. Wir werden ihn in guter Erinnerung halten. Unser Beileid gilt seiner Frau, seinen Kindern und nächsten Verwandten. Wir trauern mit ihnen.

Auf der Gedenkfeier in Thessaloniki wurde sein Lebenswerk mit einem bemerkenswerten Nachruf gewürdigt, den wir im Folgenden veröffentlichen.

 

Ein leidenschaftlicher Europäer

Eingehüllt in einem Segeltuch ist Burkhart aus dieser Welt gegangen, bis zuletzt begleitet von denen, die ihm am nächsten stehen. Wir sind heute hier, um seiner in Liebe und Dankbarkeit zu gedenken.

Burkhart war ein leidenschaftlicher Europäer. Wie kam er dazu? Ich glaube, dass Burkhart als sechstes von insgesamt sieben Kindern eine ziemlich gute Vorbereitung hatte für seine Arbeit in der Europäischen Gemeinschaft. Das Zusammenleben mit einer Vielzahl unterschiedlicher Bedürfnissen und Sichtweisen, das Bewusstsein, ein kleiner Teil von einem viel größeren Ganzen zu sein, wurde ihm so zu sagen in die Wiege gelegt.

Zum Europäer wurde er eher durch Zufall. Er hat Physik in Aachen studiert. Ein holländischer Freund fragte, ob er Lust hätte, mit ihm in Frankreich zu arbeiten, herumzureisen, Interviews zu machen, um eine Vergleichsstudie der Hochschulabschlüsse in Frankreich und Deutschland zu erstellen. Das klang ziemlich gut. Die Tatsache, dass sich sein Französisch damals auf…Bonjour! und Bonsoir! beschränkte, schreckte ihn nicht ab. Er bewarb sich, bekam den Job, lernte schnell sehr gut Französisch und fing an. Das war der kleine, in Rotwein und Abenteuerlust getunkte Schneeball, mit dem alles begann. Dass sein holländischer Freund der Bruder von Mieke ist, war natürlich ein weiterer wunderbarer Zufall…

Wie wurde Burkhard zum Europäer? Eben nicht in der Theorie, sondern indem er sich bewegte, die Grenzen seines Landes, seiner Sprache, seiner vertrauten Umgebung verließ, indem er den Anderen in seinem Element kennen- und schätzen lernte, in der Freundschaft, in der Begegnung, in der Auseinandersetzung. Die Erweiterung der eigenen Perspektiven und Möglichkeiten durch die Erfahrung der Vielfalt war für Burkhart eine treibende Inspiration, an dem Projekt Europa mitzuwirken.

Als die Europäische Agentur CEDEFOP Ende der 90er Jahre von Berlin nach Thessaloniki verlegt wurde, bekam Europa noch eine ganz andere Dimension in der Familie Sellin. Nach anfänglichem Zögern wurde Thessaloniki zu einer Offenbarung. Die Kinder waren aus dem Haus, das Boot kam rein ins Haus. Mieke sagt: „Da fing auf einmal unser Leben an, viel mehr Spaß zu machen.“ Fast sofort hatten Sie dort einen riesigen Freundeskreis, entdeckten das Segeln und Land und Leute in Griechenland, die geliebte zweite Heimat.

Burkhart war ein zutiefst solidarischer Mensch. Er war sich seiner Privilegien bewusst und hat sie als Verantwortung empfunden. In der Berufsbildungspolitik, in der Flüchtlingshilfe und vielen anderen Initiativen – immer ging es darum, Teilhabe zu ermöglichen, Chancen zu schaffen. Mit seiner sachlichen, nüchternen Art hat er viel bewegt und viel erreicht. Aber er suchte nicht das Rampenlicht und musste aushalten, dass oft andere die Lorbeeren für seine Arbeit bekamen.

Er war großzügig. Er hat für seine Familie ein solides Fundament gebaut. Mehr noch als Stahl und Stein schenkte er seinen Kindern das Vertrauen, dass sie ihren Weg im Leben finden.

Er war tolerant: In den Augen seiner europäischen Kollegen war Burkhart einer der wenigen Deutschen, die nicht immer nur das deutsche System für das beste hielten. Burkhart war oft enttäuscht, dass es immer wieder seine Landsleute waren, die Kompromisse und Fortschritt verhinderten.

Diskussionsfreudig im Beruf, war er im privaten Leben eher zurückhaltend. Der leise Stratege, der unauffällig steuerte. Das machte ihn manchmal schwer zu fassen. Von dem, was ihn im Innersten bewegte, hat er nicht viel erzählt. Umso kostbarer waren die letzten Monate. Je weniger er kommunizieren konnte, desto klarer und intensiver hat er sich ausgedrückt. Liebevoll, dankbar, zärtlich und körperlich war er seiner Familie so nah wie selten zuvor. Der große Europäer wollte nicht mehr reisen. Er blieb zuhause bei denen, die ihm am wichtigsten waren.

All das, was Burkhart als Menschen ausgemacht hat, all das, für was er gelebt und gearbeitet hat, all das, was er mit uns geteilt hat, das  lebt nun mit uns weiter. Das ist draußen in der Welt, in Europa und nimmt weiter Gestalt an. Ja – es sieht dunkel und stürmisch in Europa aus.  Überall sind die Ideen, für die Burkhard gearbeitet hat, einer Zerreißprobe ausgesetzt. Er war entsetzt über diese Entwicklungen. Aber er hat nie aufgehört, an das große Ganze zu glauben.  „Aus Europa kann sich niemand mehr losreißen, ohne sich selbst zu verletzen.“ Bis zuletzt hat Burkhard weiter gearbeitet auf seine sachliche, nüchterne Art: Samen gesät, Wege geebnet, Karten gezeichnet. Der große Segler ist gegangen. Sein Boot, seine Hoffnungen hat er uns hinterlassen.