Medienberichte

Herausforderung Integration

In frühen Zeiten der Menschheit, als ihr Überleben noch auf des Messers Schneide stand, war es selbstverständlich, dass Menschen rechtzeitig vor Erdaktivitäten, Klimakatastrophen, Meteoriteneinschlägen oder bei Krankheitsepidemien in Regionen flohen, die ihnen Lebenschancen boten. Das war intelligent, denn hätten sie das nicht getan, wäre die Spezies Mensch ausgestorben und wir müssten uns keine Sorgen mehr um Umweltkatastrophen oder das Wohl der Menschheit machen.

Nun aber ist es eine Ironie der Menschheitsgeschichte, dass die Flucht vor Lebensgefahren heute zum einen auch seine Ursachen im Handeln des homo sapiens hat und zum anderen sie daher plötzlich zu einer unerwünschten, ja kriminellen Angelegenheit geworden ist, wenn viele Menschen flüchten. Maßgeblich dafür ist, dass es angesichts von sieben Milliarden Menschen auf dem Planeten kaum noch freie Überlebensräume gibt. Alle Heimat- und Vermögensrechte scheinen vergeben zu sein. Für Nomaden ist nur noch in lebensbedrohenden Landschaften Raum.

Die Flucht innerhalb von Staatengrenzen kümmert andere Völker wenig, Fluchtbewegungen darüber hinaus sind umso problematischer je stärker die Wohlstandsunterschiede sind. Bedeutet, je höher der Wohlstand um so mehr geregelte Strukturen und umso unbeweglicher wird ein Land.

Müssen wir daraus schlussfolgern, dass die Menschen in den Industriestaaten im Katastrophenfall weniger Überlebenschancen haben als etwa die in Dritte-Welt-Staaten, weil sie möglicherweise zu sehr an ihrem Besitz hängen? Wie unbeweglich das „reiche“, verteilungspolitisch aber durchaus nicht unkritische Deutschland ist, macht nicht erst die aktuell schwierige Integration von Flüchtlingen deutlich, die 2015 über die Balkanlinie gekommen sind. Die machtvolle nationale Politikshow des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Er- dogan deckte für manchen überraschend auf, dass selbst die Eingliederung der türkischstämmigen deutschen Bevölkerung innerhalb eines halben Jahrhunderts nur unbefriedigend verlief. Das allein ist schon Indiz genug, vor welchen Herausforderungen Deutschland steht. Gleichzeitig beklagen wir unablässig die Gefahr einer Bevölkerungsüberalterung.

Bleibt vielleicht zu fragen, wie die Deutschen reagieren würden, wenn in Zukunft der Golfstrom durch die anhaltende Eisschmelze seine Kraft verlieren und Mitteleuropa in eine länger andauernde Kältewelle eintauchen würde? Würden sie nicht nach Süden (Südeuropa, Nordafrika etc.) flüchten, die Reichen in ihre Feriendomizile, die weniger Wohlhabenden in Aufnahmelager? Perspektive einer verkehrten Welt, dieses ältere Klimaszenario ist zwar aus den Köpfen, aber noch lange nicht vom Tisch.

Wie aber drückt sich der Grauschleier der Integrationsinflexibilität in Deutschland aus? Die Liste der Hindernisse, die Flüchtlinge überwinden müssen, ist sehr lang. Sie reicht vom für Ausländer unverständlichen Schriftverkehr, behördlichen Zuständigkeitsdurcheinander oder von verwaltungtechnischen Hinhaltetaktiken bis zu fragwürdigen Qualifikationsanerkennungsverfahren, faktischen Umzugs- und Arbeitsverboten und der Vergabe politisch wechselhafter bzw. willkürlicher Aufenthaltsrechte. Ein unspektakuläres, aber anschauliches Beispiel mag dies verdeutlichen.

Ein junger Syrer, der 2015 in Berlin strandete, absolverte fleißig seine Sprachkurse, fand mit viel Glück ein privates Quartier und machte nebenbei ein Bundesfreiwilligenjahr als Betreuer von Behindertengruppen. Sein jüngerer Bruder, der in Gütersloh strandete, wollte es ihm gleichtun und in Berlin beim gleichen Arbeitgeber ein freiwilliges Jahr aufnehmen. Der Vertrag war geschlossen, selbst ein privates Quartier war bereits gebucht. Das Plazet der beiden Jobcenter wurde eingeholt. Gütersloh begrüßte sogar den Wechsel, weil sein Platz in einer stadteigenen Wohnung frei wurde. Die Ausländerämter dagegen spielten über mehr als ein halbes Jahr Katz und Maus mit diversen Zuständigkeitsausreden, bis die Berliner Behörde diese Familienzusammenführung überraschend mit dem Argument ablehnte, bei dem Bundesfreiwilligenjahr handele es sich um keine normale Arbeit. Ohne Hilfe eines Deutschen hätte ein Ausländer mit einfachen Deutschkenntnissen diesen Brief- und Abstimmungsmarathon nicht einmal die erste Runde durchgestanden.

Hilfebedürftigen diesen Verwaltungsaufwand und -wirrwar zuzumuten, ist gedankenlos. Darüber schwebt völlig unbekümmert der politische Wille.

 

Arnulf Sauter, Schatzmeister „Wir in Europa e.V.“, Berlin

 

Quelle: Tagesspiegel vom 8. Oktober 2017, Leserbriefe (entnommen www.pressreader.com)

 


 

„Kein Depot für abgelegte Dinge“

Bei der Nachnutzung der Dahlemer Museensollte doch Europa das prägende Thema sein,meint Burkhart Sellin vom Dahlemer Appell

Interview Susanne Messmer

taz: Herr Sellin, wann und warum haben Sie und Ihre Mitstreiter den Dahlemer Appell gegründet?

Burkhart Sellin: Wir haben 2016 das Thema aufgegriffen. Damals stand der Umzug des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst aus Dahlem ins Humboldt Forum nach Mitte bevor. Damals wie heute wies nichts darauf hin, dass jemand Blöcke in das Thema Nachnutzung einziehen möchte. Wir sind der Meinung, dass man das Thema Zwischennutzung völlig vernachlässigt hat. Man hätte etwa seit dem Umzug die freie Künstlerszene dort arbeiten lassen können. Außerdem wird es noch zwei Jahre dauern, bis die Sammlungen der Museen im Humboldt Forum wieder ganz zu sehen sein werden. Darum muss verhindert werden, dass sie in Vergessenheit geraten. Wir hatten also auch vorgeschlagen, dass die postkolonialen Bestände hier bleiben und nur die wirklich altertümlichen ins Humboldt Forum wandern.

Ist das realistisch?

Die Museen werden von der SPK, der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, getragen. Deren Präsident Hermann Parzinger hat 2017 verkündet, er wünscht sich in den Dahlemer Gebäuden die Abgusssammlung der FU, ein Depot, die Zusammenführung der Bibliotheken und einen Ort, an dem sich die Wissenschaft öffnen kann, einen Forschungscampus. Wir halten das – und da sind wir mit Kultursenator Klaus Lederer von den Linken ganz einer Meinung – für wenig wünschenswert, dass Dahlem eine Resterampe wird. Nur leider lässt sich die SPK weder politisch kontrollieren noch in die Karten gucken.

Was missfällt Ihnen an den Vorschlägen Parzingers?

Burkhart Sellin

Burkhart Sellin, geboren 1941, war langjähriger Mitarbeiter des Europäischen Zentrums für Berufsbildung, gegründet durch die EG, das 1995 von Berlin nach Thessaloniki verlagert wurde. Privat pendelt er noch immer zwischen Berlin und Thessaloniki.

Wenn die Museen zum Depot für abgelegte Dinge würden oder zur Nutzungsfläche für die FU, wären sie nicht mehr zugänglich für das Publikum. Dahlem war einmal eine Attraktion, für Berliner wie für Touristen weltweit. Wir finden es deshalb nicht richtig, dass so vieles nach Mitte wandert.

Wie würden Sie die Museen gern nachnutzen?

Hinter dem Dahlemer Appell steht unser Verein Wir in Europa. Für unseren Geschmack stellt das in Dahlem verbleibende Museum für Europäische Kulturen den europäischen Gedanken nicht genug ins Zentrum. Es beschränkt sich zu sehr auf regionale Entwicklungen und Kunstgewerbliches. Wir denken, dass in Dahlem der Europaaspekt verstärkt werden könnte.

Inwiefern?

Wir haben publikumswirksame Ausstellungen rund um die Mitgliedstaaten der EU im Auge und können uns europäische Wettbewerbe junger Theater- und Musikgruppen vorstellen, in denen sich Lebensgefühle und Traditionen ihrer Regionen widerspiegeln. Dahlem könnte nach unserer Ansicht zu einem Kunst- und Kulturzentrum werden, in dem zentrale Fragen des europäischen Kultur- und Wirtschaftslebens diskutiert werden. Wir diskutieren derzeit auch über die Sozialunion, bei der keine Einigung in Sicht ist. Ein effektiver sozialer Ausgleich europaweit ist längst überfällig. Sozialdumping zu bekämpfen ist ein Riesenthema – ebenso wie die Anerkennung von beruflichen und akademischen Qualifikationen. Vielen Absichtsbekundungen stehen Abwehrhaltungen der einzelnen Mitgliedstaaten entgegen. Es ist wichtig, diese Themen am Kochen zu halten durch breite Initiativen von unten.

Halten Sie es für wahrscheinlich, dass solche Themen in Dahlem diskutiert werden könnten?

Parzinger nimmt in seinen Äußerungen zu Dahlem das Europathema auf, aber keiner weiß, wie das wirklich in seinem Team besprochen wird. Berlin könnte gut und gern versuchen, in ein paar Jahren Kulturhauptstadt Europas zu werden, indem es die Dahlemer Museen in den Mittelpunkt rückt.

Was halten Sie vom Humboldt Forum, wo die Sammlungen der Dahlemer Museen ab 2019 präsentiert werden?

Tja, das Schloss ist für mich reine Berliner Großkotzigkeit. Ich war immer gegen den Wiederaufbau, ich finde aber auch die Inhalte anachronistisch. Da könnte eine konsistente Nachnutzung Dahlems einen Gegenpol setzen.

 

Quelle: taz am Wochenende, 6. Januar 2018, S. 45