Hass und Gehässigkeit in unseren Tagen

Phoenix-Runde vor einigen Tagen: ,,Verleumden, hetzen, bedrohen“ ist das Thema. Moderator Alexander Kähler will mit seinen Gästen den Hass ergründen und seine seuchenhafte Ausbreitung in der Gesellschaft. Mehrfach vergebens fragt Kähler in seine Runde, was die tieferen Gründe des Hassens seien.
Selbst die Charité-Professorin für Psychiatrie Isabella Heuser zeigt sich ratlos. Erst ganz am Ende, schon in die Abmoderation hinein, ruft der FU-Professor Klaus Schröder, ein Extremismusforscher, Hass sei die Haltung der Zukurzgekommenen.

Die Recherche führt, wie in Sachen Kunst der Liebe, zu Erich Fromm. Er unterscheidet den reaktiven vom charakterlichen Hass. Mit dem ersten reagiere der Mensch auf eine existenzielle Bedrohung, der zweite wohne manch einem Menschen als allgemeine Bereitschaft zur Feindseligkeit inne.
Die Verbindung zwischen dem einen wie dem anderen liegt nahe: Mit Hass und Hasstat reagiert der Gehässige auf eine Bedrohung. Der Gehässige braucht kein reales Angegriffensein. Zur Befriedigung seiner Gehässigkeit wird er sich Bedrohungen einbilden und imaginäre Gefährder suchen. Er will sich ängstigen.
Was politischen Hass und politische Gewalt angeht, so ist das Modell auf traurigste Weise in unserer deutschen Geschichte verankert. Da sehen wir in den Abgrund eines Volkes, das sich zu kurz gekommen fühlte. Vor und dann erst recht nach dem Ersten Weltkrieg. Statt einer Einsicht in das sich selbst und anderen zugefügte Leid und einer berechtigten Wut auf die volksinternen Verursacher wurde den Leuten ein Hass auf die Sieger eingeimpft, auf die Kriegsgegner und auf die Juden.

Gegen die Siegermächte wurde die Alleinschuldlegendelegende inszeniert, gegen die Juden Rassenwahn und Vernichtungswille geschürt. Exemplarisch erkennen wir im Antisemitismus jener deutschen Gesellschaft, wie die eigentlich für das Unglück des deutschen Volkes Verantwortlichen von ihrer Schuld auf andere ablenkten.

Es wird uns Deutsche noch lange die Frage quälen, ob Voraussetzung für den imaginärreaktiven Hass eine im Charakter liegende Gehässigkeit lag, ein allgemeiner Hasswille. Bis zu Martin Luther haben dies nur Fritz Fischer und seine Adepten zurückführen wollen. Dennoch bleibt die Frage, ob die deutsche Gesellschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine gehässige war.

Wir sehen also ein Muster, im Nazi-Deutschland in besonders krasser Weise, aber es ist überall überdeutlich wieder zu erkennen: Der Mensch, eine Gruppe, ein Volk der oder die oder das ihm widerfahrendes Unrecht anderen Personen oder Gruppen oder Völkern zuschreibt. Der Gehässige wird sich seine Hassopfer suchen wollen, von diesem seinem Drang auch nur schwer mit Vernunftgründen abzuhalten sein. Vermischt sich nun der Hasstrieb noch mit
wirklichen Ungerechtigkeiten, dann kommt ein explosives Gemisch zustande.

Der „Mechanismus“ von Gehässigkeit und Hass hat sodann sehr spezifische Folgen in der Art und Weise der daraus folgenden Tatgesinnung und Tat. Die Tatgesinnung des Hasses geht darauf, die wahre oder imaginäre Quelle des erlittenen Unrechts zu bekämpfen. Es gilt dem Hassenden, die an seinem Leid Schuldigen auszuschalten, sie ihrer negativen Macht zu berauben, sie wegzudrängen und in extremis zu vernichten. Dann in der Tat sind wir beim Holocaust,
bei den heiligen Kriegen der Geschichte und unserer Tage.

Nun werden auch Hassende noch einen Rest ethischer Verbote empfinden, anderen Menschen nichts zu Leide zu tun, sie nicht zu verletzen und erst recht nicht, sie zu töten. Damit der blanke Hass in die Mordtat umschlagen kann, bedarf es deswegen einer Neutralisierung jener letzten Hemmungen. Das ist dann die Stunde der Ideologien, die dem Opfer das Menschsein und damit das Lebensrecht absprechen, die Mordtat als einen gerechten Widerstand rechtfertigen
und womöglich sogar als höheren Willen Gottes.

Mit Schrecken lauschte ich vergangene Woche dem Direktor des Deutschen Orientinstituts, Gunter Mulack. Auch als der Clubvorsitzende das Licht anknipste, sagte ich dem sachkundigen Referenten, selten sei es ein so finsterer Abend gewesen, das Bild von den Weltverhältnissen und unseren Aussichten finsterer denn je. Denn Mulack zeichnete einen Bogen der Hassbereitschaft auf den Globus, vom Hindukusch bis in den Maghreb, von Mindanao bis nach
Tschetschenien.

Ein Fünftel der Menschheit lebt auf diesem Bogen, mit vielen Gründen, sich abgehängt und benachteiligt zu fühlen. So sehr die Gründe eher endogene sein mögen als exogene, so groß ist die Bereitschaft, sie dem Westen anzulasten, in der muslimischen Diaspora dann der Mehrheitsgesellschaft.
Der Hass ist an seinen Taten zu erkennen. Manches Verbrechen lässt sich nicht anders erklären. Mehr als reine Verbitterung ist der Hass. Der Hassende will die Tat.

Was nun ihm entgegen setzen? Gegenbegrifflich ist es die Liebe. Ganz ernst genommen wird man freilich nicht, wenn man dafür plädiert, gegen Hasstaten, persönliche oder politische, an zu lieben. Meine Freunde kennen ja meine Geschichte, wie ich vor der versammelten griechischen Diplomatie für die Liebe als Aufgabe und Instrument der Diplomatie gesprochen habe.

Der damalige Außenminister Stawos Dimas kündigte mich „mit einer romantischen Vision unseres Berufes“ an. Ich fragte zurück, ob denn die Philosophen des alten Griechenland sentimental gewesen seien? Jedenfalls sind doch zwei Dinge offensichtlich, dass nämlich erstens der Hass ein herausragender Faktor politischer und kriegerischer Konflikte zwischen den Völkern ist und zweitens ihm nur sehr beschränkt mit den Mitteln der vernünftigen Überzeugung
begegnet werden kann.

Ganz ähnlich stehen wir im inneren Konflikt mit den Hasserfüllten unserer Gesellschaft ratlos da, wie wir sie erreichen, zum Besseren bekehren sollen. Für Argumente und Informationen sind sie, so scheint es oft, nicht mehr zugänglich.

Kehren wir an dieser Stelle, wo wir nach Therapien und Gegengaben suchen, noch einmal zurück zur Unterscheidung des Erich Fromm von reaktivem Hass und charakterlichem, den ich Gehässigkeit nenne. Dann haben wir es beim reaktiven Hass jedenfalls mit äußeren Umständen zu tun, wenn auch möglicherweise eingebildeten äußeren Umständen, denen wir uns zuwenden können.

Den einfacheren Fall davon bilden gewiss die objektiven Ungerechtigkeiten, die den Menschen widerfahren. Wir können uns diesen politisch zuwenden und Hass wird daraus oft nur dann, wenn eben dies nicht geschieht. Aber was würde man den Benachteiligten sagen wollen, dass sie ja recht haben mit ihrem Hass oder dass auch grobe Ungerechtigkeit es nicht rechtfertigt, die Verursacher vernichten zu wollen?
In einer Demokratie sollten wir zudem den Benachteiligten versichern können, dass sie sich ohne Hass wehren können und wir zu ihnen halten. Aber wie real ist deren Chance, sich politisch zu organisieren und ihre berechtigten Interessen durchzusetzen? Von einer politisch einflussreichen Initiative der 7 Millionen Hartz-lV Empfänger hat man noch nichts gehört.

Zum politischen Kampf dieser zu kurz Gekommenen muss dann auch gehören, dass sich dieser gegen die wirklich Verantwortlichen richtet. Wir haben schon gesehen, wie sehr oft die Schuldigen – und dies sind im Zweifel die sehr viel Mächtigeren – alles daran setzen, den Zorn auf andere zu richten.

Ein klassischer Fall dieser Tage sind die Niedrigstlöhne in Großbritannien. Sie werden zu den Gründen gezählt, warum die untere Einkommensschicht mit so großer Mehrheit für den Brexit gestimmt hat. Indessen, möglich geworden ist die Lohnunterbietung erst durch eine weitgehende und von den Konservativen betriebene Deregulierung des Arbeitsmarktes, also die wirtschaftsfreundliche Öffnung der Tore für osteuropäische Migranten, die zu solchen Bedingungen
zu arbeiten bereit sind. Selbstverständlich musste es Ziel der Deregulierer sein, die Verantwortung für die Verdrängung britischer Arbeitnehmer und Arbeitslosen von sich abzuwenden und den Volkszorn auf die Migranten zu richten. Und auf das europäische Prinzip der Freizügigkeit.

Schwieriger noch ist der Umgang mit den eingebildeten Ungerechtigkeiten. Hier liegt entweder eine reale Ungerechtigkeit nicht vor, zum Beispiel weil es ein Unrecht gar nicht ist oder das erfahrene Leid selbstverschuldet ist. Was ist ungerecht? Dass der Lagerarbeiter ohne Schulabschluss nicht ganz so viel verdient wie der für Menschenleben verantwortliche Chirurg halten wir nicht für ungerecht. Insbesondere erschiene uns sein Hass auf die Gesellschaft ganz unangebracht, wenn er doch selbst beste Chancen für einen Aufstieg zum Chefarzt hatte, er nur zu bequem war, auf die Treppe zu steigen.
Wenn die verehrte Leserin, der verehrte Leser vor kurzem noch bei dem Gedanken der politischen Liebe den Kopf geschüttelt hat, dann mit Verlaub in einem Missverständnis eben derselben.

Die Liebe zwischen zwei Menschen, in der Familie, in einer Freundschaft ist hier nicht unser Thema. Womöglich folgt auch diese durchaus nicht nur sentimentalen Aufwallungen, sondern rationalen Geboten, wozu wir doch auch die ethischen zählen, nicht wahr?
Erst recht muss dies für die politische Liebe gelten, dass wir sie mit der Vernunft zu verstehen und zu bestimmen suchen. Da ist erst einmal das Denken vom Gegenbegriff her hilfreich.

Wenn wir den tätlichen Hass als auf Exklusion gerichtet und schlimmstenfalls auf einen Vernichtungswillen hinaus laufend beschrieben haben, so wäre doch tätige Liebe ein Grundwille der Erhaltung, der Hilfe in der Not und der Inklusion.

Und wie kommt es zur politischen Liebe? Nun ja, anders als zum Hass. Vermutlich heißt das Zauberwort Empathie, die Fähigkeit sich in den anderen hinein zu versetzen, auch wenn seine Interessen den meinigen widersprechen, ihm lautere Motive zuzubilligen, ihn zu verstehen.
Intelligenz und Bildung werden dem förderlich sein. Eine grundsätzlich freundliche Gesinnung anderen Menschen gegenüber. Und die menschliche Reife, für das eigene Leben eigene Verantwortung zu übernehmen.

Noch wichtiger wird eine grundsätzliche Disposition dafür sein, ob sich im Menschen eine Neigung zur Gehässigkeit entwickelt oder eine Neigung andere Menschen zu lieben. Geschichte und Gegenwart zeigen, dass es hier nicht allein auf das Individuum ankommt, vermutlich überhaupt nicht auf seine Gene, sondern auf die Umstände seines Aufwachsens.

Es ist wohl keine steile These dass Menschen, die sonntags in die Kirche gehen oder Buddhisten, die sich regelmäßig der Meditation hingeben, auch engagierte Humanisten seltener zur Gehässigkeit neigen werden als solche, die in einer wertelosen Umgebung aufwachsen. Vorausgesetzt, die Werte sind nicht in Wahrheit Unwerte. Es ist natürlich eine immense Herausforderung für die Wissenschaft und mit ihrer Hilfe der Gesellschaft, eben jene Umstände und Umfelder zu erkennen, die zum Hass führen, dabei noch den reaktiven vom charakterlichen zu unterscheiden. Allein die Extremismusforschung wird es nicht leisten können, wohl nur eine
sehr umfassende interdisziplinäre Herangehensweise.

Mit der Aufnahme von Hunderttausenden, die von allerschlimmsten Leiden zur Flucht gezwungen sind, ergibt sich ein immenser Bedarf an Traumatherapeuten. Das Auflodern von Hass und Gewalt in unserer Gesellschaft, ob nun in den Migrantenmilieus oder in bestimmten deutschen Landschaften, stellt uns vor die Herausforderung einer sehr viel tiefer in die Geschichten der Völker greifenden Traumaforschung.

Es ist schon so, dass die Gesellschaft und ihre politische Gestaltung einen Einfluss darauf haben, ob in ihr gute Menschen heranwachsen oder eben schlechte. Schon aus den hier aufgezeigten Quellen von Hass und Gehässigkeit lassen sich etliche Hinweise darauf ableiten, was zu tun ist. Für die jungen Menschen brauchen wir offenkundig eine ethisch geprägte Bildung, für die älteren Hassgeneigten Zuwendung und Teilhabe.

Selbst wenn das denkbar beste Szenario einer Erziehung zum nicht hassgeneigten, liebevollen Menschen verwirklicht werden könnte, es bliebe wohl auf Erden ein Rest von hasserfüllten Gewaltfätigen, solange sie die Erde ist und nicht das Paradies. Wie schützen wir die Menschen vor den Hasstaten?

Was in der eingangs erwähnten Fernsehrunde der Repräsentant des Deutschen Richterbundes (VRiOLG Joachim Lüblinghoff) dazu beizutragen hatte, zeugte von besonderer Ratlosigkeit.
Mochten sich Psychiatrieprofessorin und Extremismusforscher noch so sehr über eine nachgerade mildtätige Bestrafung von Gewalt- und Serientätern empören, der hohe Richter verwies positivistisch auf die Bindung seiner Kollegen an Gesetz und Recht. Muss man auch und gerade von der Richterschaft eine Meinung und Politikberatung dazu erwarten dürfen, ob nicht die furchterregende Zunahme an Hassgewalt eine Verschärfung der Strafgesetze überfällig erscheinen lässt?
Inwieweit dies einen Beitrag zur General- oder Spezialprävention leisten könnte, dem müsste sich die Kriminologie widmen, Dass Straflosigkeit und lächerlich geringe Bußen für schlimme Verbrechen den Rechtsfrieden gefährden, dazu brauchen wir aber nicht erst Kriminologen befragen.

Hier schließt sich der Kreis zum Hass, nämlich insofern, als der gefährdete Rechtsfriede zum Nährboden einer breiten Angst- und Ungerechtigkeitsempfindung gehört.
Der Hass, diese Urquelle des Verbrechens, kommt in unserem Strafrecht nicht vor. Fast nicht, mit der Ausnahme der Volksverhetzung (§ 1-30 StGB), deren Kern die „Aufstachelung zum Hass“ ist. Womöglich würde ein Richter eine Tötung nur dann als Mord (§ 211 StGB) ansehen, wenn er den Hass als ein Unterfall der vom Gesetz dafür vorausgesetzten „niedrigen Beweggründe“ interpretieren könnte.
Ist es nicht an der Zeit für eine generelle Stigmatisierung und Bestrafung der Hassgewalt?

Folgende Vorschrift könnte in den allgemeinen Teil des Strafgesetzbuches eingefügt werden: „Wird eine Tat aus Hass begangen, so beträgt das Strafmaß das Doppelte des sonst gesetzlich vorgesehenen.“ Und: „Aus Hass handelt, wer zu seiner Tat durch die irrationale Empfindung bewegt worden ist, das Tatopfer sei eine Bedrohung für ihn und müsse deswegen unschädlich gemacht werden.“

Gibt es den gerechten Hass? Wie halten wir es mit der gerechten Gewalttat, dem Tyrannenmord? Die Verehrung des Tyrannenmörders gehört spätestens seit der Mordtat des Freundespaares Harmodios und Aristogeiton am athenischen Diktator Hipparchos (514 v.Chr.) zum abendländischen Werteerbe (wenn auch es da um eine Legende und Glorifizierung gehen mag, um die widerstandsdemokratische Umdeutung einer Familienaffäre). Artikel 20 unseres Grundgesetzes gewährt jedenfalls einem jedem das Recht, Widerstand zu leisten gegen jeden, der es unternimmt, die Verfassungsordnung zu beseitigen, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.

Mit der Frage des gerechten Widerstands gegen politische Gewalt, gegen die Apartheid, Kolonialismus, Saddam Hussein, Bashar al-Assad, Hamas, Israel geraten wir in schwieriges Fahrwasser. Erst Recht, wenn wir mit Johan Galtung ein Widerstandsrecht gegen strukturelle Gewalt annehmen. Das Recht „kaputt zu machen, was Euch kaputt macht“ (Ton Steine Scherben, 1969). Die großen Widerstandskämpfer der Geschichte, Claus von Stauffenberg, Georg Elser, die Résistance werden ihre Gegnerwohl gehasst haben. Wie grenzen wir ihn ab, den gerechten Widerstand von der Terrortat?
Gerechtfertigt ist jedenfalls nie der mit den Widerstandstaten einhergehende Hass, sondern der Widerstandakt als zur Verteidigung überragender Rechtsgüter. Das sei hier nur am Rande bemerkt. Denn die Hassgewalt, die uns hier beschäftigt, ist eine fernab von jeglicher edler Gesinnung.
Sind die Menschen leichter zum Hass zu verführen als zur Liebe? Ich zögere es zu bejahen angesichts der vielen Menschen, die in diesen Zeiten Flüchtlingen Beistand geleistet haben, sich jeder Versuchung entzogen haben, sie als Bedrohung zu empfinden. Liebenden geht es immerhin deutlich besser als Hassenden.

Unsere Gesellschaft bringt wohl beides hervor, Hass und Liebe und wer wollte das eine gegen das andere statistisch abwägen? Die Verführung zur Liebe ist indessen nicht unser Problem, die Verführung zum Hass allerdings.

Und deswegen muss unser Widerstand mehr noch als den Verführten den Verführern gelten. Es muss in diese Gesellschaft eine große Entschlossenheit einkehren, Verführer zum Hass zu verurteilen und ihnen den Kampf anzusagen. Der erste Schritt ist, sie als Verführer zum Hass bloßzustellen. Denn die Menschen, auch die Hassenden und Gehässigen, wollen nicht als Hassende und Gehässige gelten. So ist ein Anfang politischen Hass zu bekämpfen, den Menschen klar zu machen, auf welchen Weg sie sich einzulassen im Begriffe sind, dass Hassprediger Hassprediger sind, was freilich einen klaren Begriff davon erfordert, was Hass denn bedeutet.

Fassen wir zusammen und ziehen wir Konsequenzen: Um uns mit dem Hass auseinander zu setzen, brauchen wir einen klaren Begriff davon. Politisch und gesellschaftlich ist Hass ein im Gefühl der realen oder imaginären Ungerechtigkeit wurzelnder Drang die realen oder vermeintlichen Verursacher des gefühlten Unrechts auszuschalten und in letzter Konsequenz zu vernichten. Es geht um den Hass der Zukurzgekommenen, um die Angst noch weiter ins Hintertreffen zu geraten.

Ein solcher Hass und die ihn nährende Angst wird insbesondere dann leicht entfesselt, wenn im einzelnen Menschen oder in einem Kollektiv eine Neigung zur Gehässigkeit angelegt ist, wenn Hassen ganz unabhängig von widerfahrendem Unrecht zu einem Bedürfnis wird, das seine Befriedigung sucht.
Jeder wahre Unrechtstäter muss umso mehr ein Interesse daran haben, den daraus resultierenden tätigen Hass von sich selbst abzuwenden und auf andere hin zu lenken. Vermeintlichen Unrechtsverursachern den Kampf anzusagen, hat ein enormes politisches Verführungspotenzial, einschließlich der Konstruktion eines den Hass legitimierenden Unrechts, wo ein solches von den Hassensollenden a priori gar nicht empfunden wird.

Die Vorsorge gegen Hass ist gleichbedeutend mit der elementaren Aufgabe, den einzelnen Menschen wie eine ganze Gesellschaft zu klarem Denken und Erkennen zu erziehen sowie zu einem angstfreien Leben und verantwortlichen Handeln. Ein wichtiges Antidotum ist, Menschen und Kollektiven ihren Hass vor Augen zu halten, sie mit begrifflicher Präzision vom Hassen abzuhalten oder abzubringen. Denn auch viele Hassende werden vor der Welt und vor
sich selbst nicht Hassende sein wollen. Wer will schon ein bösartiger Mensch sein?

Die Tugendhaftigkeit der Menschen zu fördern, ist als eine der höchsten Aufgaben des Staates wohl reichlich aus den Augen verloren worden. ln einem gesellschaftlich und weltanschaulich äußerst pluralistischen Staat wird der Staat selbst nicht Generalquelle einer ethischen Grundhaltung mit einer einheitlichen Tugendformel sein können. Er würde damit eher das Gegenteil erreichen. Wohl aber muss sich der Staat um die Quellen einer ethischen Grundhaltung kümmern,
sie identifizieren und fördern.

Als gemeinsamer Nenner aller „Ethiken“ kann Kants kategorischer Imperativ den jungen Menschen gar nicht oft genug vermittelt werden: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Allerdings kann diese nur ein Ausgangspunkt für ein friedliches Ringen darum sein, was dies denn im Einzelnen bedeutet.

Das geschieht ja seit fast unvordenklicher Zeit in der Förderung der Keimzellen gesellschaftlicher Tugenden, von der Familie über die Glaubensgemeinschaften bis zum Sportverein. Die Zunahme an Hass und Gewalt ist freilich Anlass, in diese Quellen gesellschaftlicher Tugenden noch sehr viel massiver zu investieren. Das bedeutet durchaus auch eine Zuweisung von Ressourcen in diese Aufgabe.

Zur unmittelbaren Pflicht des Staates gehört freilich diejenige, seine Bürger vor Hassgewalt zu schützen. Die Achtung nicht nur hasserflillter Gewalttaten, sondern auch der Vorstufen, nämlich der Verhetzung der Menschen, muss in der strafrechtlichen (tatbestandliche) Erfassung solcher Taten wie in einer harten Bestrafung deutlich werden.

Allerdings zeigt eine Verrohung der Sitten auch im Wirtschaftsleben, dass eine strafrechtspolitische Wende überfällig ist und nicht alleine Polizei und Gerichte für das bisherige Versagen in Abwehr von Hass und hassbedingten Gewalttaten verantwortlich gemacht werden können.

Unser Staat wird strenger werden müssen. Das darf in diesen Zeiten nicht länger eine Forderung der Konservativen sein. Und barmherziger zugleich.
Das Anwachsen von Hass und Hassgewalt steht offensichtlich im engen Zusammenhang mit der Globalisierung, mit existenziellen globalen Gefahren wie Bevölkerungsexplosion und Klimakatastrophe sowie mit den negativen Potenzialen der neuen Massenkommunikation. Nebst allem, was wir an präventiven oder regulativen Maßnahmen des Staates erwarten dürfen, brauchen wir eine miteinander kommunizierende Gesellschaft, national wie europäisch und global, ein liebevolleres Miteinander auf Erden.

Guy Féaux de la Croix
Berlin, 28.06.2016